Philharmonie:
Anna Netrebko und das Münchner Rundfunkorchester
Ach,
könnte man sie doch nochmal ohne den
ganzen Rummel um sie entdecken! Ohne
die lästige Frage: Ist Anna Netrebko
wirklich so gut? Ist der Hype angemessen?
Wie könnte er es bei seinen absurden
Ausmaßen noch sein? Sie ist gut, und
daran sollte man sich freuen. Sie hat
eine erfrischende, ungebrochene Furchtlosigkeit:
darin, wie sie lustvoll die Gipfeltöne
stürmt; darin, wie sie sich wegen der
kurzfristigen Absage von Joseph Calleja
einfach nochmal vier Arien aufs ohnehin
hammerschwere Programm packt - und danach
dasteht, als könne sie das Ganze bei
Bedarf gleich nochmal.

Anna
Netrebko ließ sich zu Recht in der Philharmonie
feiern -
für ihre Stimme und ein sehr üppiges
Arien-Programm / Foto: action press
Singen
ist bei ihr eine Ganzkörperangelegenheit,
was ihrer scheinbar unschuldigen, reinen,
runden Stimme die Substanz gibt (sie
füllt problemlos die ausverkaufte Philharmonie,
gegen deren Akustik man erstmal ankommen
muss) - und das Versprechen einer heimlichen
Verruchtheit. Freilich ist ihr sängerischer
Zugang zu den diversen Figuren nicht
gerade grundverschieden, und ein Letztes
an innerer Berührtheit bleibt unangetastet.
Aber bei so einem „Best of"-Arien-Abend
aus dem Stand auf zehn Rollen und Situationen
umzuschalten, ist für Künstlerin wie
Zuhörer schwer:
Hätte
man Netrebkos Sempre libera"
exakt so im Zusammenhang einer ganzen
Traviata" gehört, man
hätte sicher das Taschentuch ausgepackt.
Das Münchner Rundfunkorchester
erwies sich einmal mehr als idealer,
Plansoll-übererfüllender Klangkörper
für solche Jobs.
Am
meisten liegt Netrebko aber sowieso
das Kokette: Oper hat bei ihr immer
was mit erotischem Prickeln zu tun,
ihre Phrasierungs-Kurven sind immer
sexy - im hohen Drama wie im zitternden
Versinken im Religiösen. Als Musette,
die sich der Blicke der Leute nur zu
bewusst ist, scharwenzelt sie um Dirigent
Maurizio Barbacini herum, stupst ihm
Noten vom Pult - alles ist flirtend
auf Wirkung kalkuliert, und man meint
zu spüren: Das ist die wirkliche
Netrebko. Und was hat sie für einen
(großartig gesungenen!) Spaß
mit dem Zugaben-Léhar! Vielleicht
ist das ihr Geheimnis: Die will doch
nur spielen! Erwartet triumphale Ovationen
- allerdings erst nach der ersten Zugabe
zögerlich stehend.
THOMAS WILLMANN