Junge
Opernfans erleben die Starsopranistin
in München hautnah
Von Sylvie-Sophie Schindler
Yasin
spricht ein paar Brocken Russisch. Aber
es reicht nicht, um Anna Netrebko zu
fragen, ob sie einen Freund hat. Der
17-Jährige möchte die Frage später trotzdem
stellen, auf Deutsch. In zwei Stunden
wird er die weltberühmte Sopranistin
zu einem „Meet and Greet" hinter der
Bühne treffen. Ein Dolmetscher wird
dabei sein sowie 20 weitere Kinder und
Jugendliche von der Hildegard-von-Bingen-Grundschule
und der Hauptschule an der Wiesentfelserstraße.

„Besser als Sarah
Connor": Beim „Meet und Greet" war die
Sopranistin Anna Netrebko
von jungen Fans umringt.
Foto Copyright: PICTURE ONE PRESS/S.J.
Es ist Sonntagabend, Yasin sitzt wie
tausend andere im Publikum und blickt,
beinahe hypnotisiert, auf „La Netrebko".
Der Königsplatz ist abwechselnd in rotes
und blaues Licht getaucht, die Zuschauer
jubeln, als Anna Netrebko in glitzernder
Robe zu Lehars „Meine Lippen, sie küssen
so heiß" ansetzt. Andrea drückt immer
wieder auf den Auslöser ihrer Kamera.
„Sie ist so schön wie eine Prinzessin",
schwärmt die Neunjährige. „Und sie kann
besser singen als Sarah Connor", sagt
Franziska und strahlt. Auch Rainer Klose
strahlt. Er gründete vor zwei Jahren
das Projekt „Kinder und Opern", um vor
allem Kindern aus sozial schwachen Familien
den Zugang zu klassischer Musik zu ermöglichen.
Das „Meet and Greet" war seine Idee.
„Ich kann es kaum glauben, dass die
Anna uns treffen will", sagt Marjam.
„Heute
fühle ich mich wie ein Star", ruft Yasin
in den Schlussapplaus hinein. Eine Traube
von Journalisten hat sich inzwischen
in einem Zelt fernab der Bühne positioniert.
Scheinwerfer blenden auf, als die Kinder
hereinkommen und sich zaghaft an die
Tische setzen. Yasin ist plötzlich ganz
still. Sabrina fährt ihm über die Stirn:
„Du bist ja ganz heiß. Beruhige dich
mal, so toll wird die auch nicht sein."
Doch dann kommt Anna, steigt aus einer
schwarzen Limousine, und ruft „Hi Kids".
Und die „Kids" finden sie toll, ganz,
ganz toll. Anna, die große Schwester.
Sie lacht, legt den Kopf schief, das
Eis ist gebrochen. Aus den Kindern sprudeln
die Fragen. „Wie alt bist du?", „Warum
hast du uns die Tickets geschenkt?",
„Macht das Singen Spaß?". Anna erzählt,
dass sie vor Aufregung den ganzen Tag
nichts gegessen hat. Zwanzig Minuten
später ist der Spuk vorbei, Bodyguards
eskortieren die Netrebko zum VIP-Zelt.
„Ich glaube, heute kann ich nicht einschlafen",
sagt Andrea und drückt ihr Autogramm
an den Bauch. Und Yasin? Der ist ganz
still. Er hat vergessen, Anna nach ihrem
Freund zu fragen.